|
Rede
von Bundespräsident Johannes Rau
anlässlich des 200. Jahrestages der Säkularisation
am 11. Mai 2003 in Bad Schussenried
I.
Sehr gerne bin ich heute nach Bad Schussenried gekommen, um mit
Ihnen an ein Ereignis zu erinnern, das zweihundert Jahre zurückliegt:
an die Säkularisation. Hier zu sprechen, das ist schon eine
besondere Herausforderung. Wir haben uns ja nicht in einem beliebigen
Saal versammelt, sondern immerhin am "Sitz der Weisheit".
Wenn ich mich in diesem wunderbaren Bibliothekssaal umschaue, so
meine ich: Er allein wäre gewiss schon Anlass genug, nach Bad
Schussenried zu kommen.
Immer
wieder bin ich bei meinen Besuchen in Deutschlands Regionen davon
beeindruckt, wie viel künstlerischen, wissenschaftlichen, kulturellen
Reichtum unser Land besitzt, wie viel lebendige Tradition. Diese
großartige Vielfalt, der Reichtum fernab der großen
Städte, in der Provinz, solch wunderbare Räume wie dieser
Bibliothekssaal - sie prägen unser Land und unser Selbstverständnis.
Ich spreche
ganz bewusst von der "Provinz". Dieser Begriff wird gerne
in einem abfälligen Sinne gebraucht: Was "provinziell"
ist, ist vermeintlich nicht auf der Höhe der Zeit oder es genügt
hohen Ansprüchen nicht. Gewiss, wer wollte München oder
Stuttgart, Berlin oder Hamburg ihren Rang und ihre Bedeutung absprechen!
Doch was wäre Deutschland ohne Meiningen oder Mergentheim,
ohne Marburg oder Monschau, ohne Schleswig oder Schwerin - und eben
auch: ohne Bad Schussenried. "Provinz" - diese Bezeichnung
kann man in Deutschland als Ehrentitel ansehen. Ich sage das nicht
aus Höflichkeit.
II.
Dieser Bibliothekssaal zeugt von dem mehr als 600-jährigen
Leben, Beten und Arbeiten von Prämonstratenser-Mönchen
in Schussenried. Er steht für Kunstsinn und Wissensdrang, für
Spiritualität, handwerkliches Können und gewiss auch für
Machtbewusstsein. Die weißen Mönche haben sich der Welt
ja nicht verschlossen. Sie widmeten sich vor allem der Seelsorge,
dem Dienst am Nächsten. In diesem Kloster wurde aber auch Musik
komponiert und gespielt, hier wurde Theater aufgeführt. Hier
wurde geforscht und gelehrt, betreut und gepflegt, geherrscht und
gerichtet.
Dieser
Mikrokosmos endet mit einem Schlag vor zweihundert Jahren. In den
Erläuterungen zur Landesausstellung heißt es dazu: "Nichts
hat Oberschwaben so verändert wie die beiden politischen Entwicklungen
zu Beginn des 19. Jahrhunderts: Säkularisation und Mediatisierung".
Ähnliche Urteile kann man dieser Tage aller Orten nachlesen
- überall dort, wo an Säkularisation und an Mediatisierung
erinnert wird, nicht nur im Südwesten Deutschlands. Hunderte
von Ausstellungen, Vorträgen und Gedenkveranstaltungen sind
organisiert worden. Sie erinnern uns an einen der wichtigsten Einschnitte
in der deutschen Geschichte. Vergleichbare Auswirkungen haben danach
wohl nur noch die beiden großen Kriege des 20. Jahrhunderts
gehabt.
Was geschah
in jenen denkwürdigen Wochen und Monaten des Jahres 1803? Die
Ordnung des Alten Reiches hielt dem Ansturm einer neuen Zeit nicht
mehr stand - auf diese Summe lässt sich das Geschehen um die
Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert wohl bringen.
Die Französische
Revolution war gewiss nicht alleinige Ursache, aber sie förderte
den Gang der Ereignisse.
Gerade
die Säkularisation wäre ohne das französische Vorbild
schwer vorstellbar gewesen. In Deutschland fand ein Prozess seinen
Abschluss, der mit der Reformation eingesetzt hatte und den der
Westfälische Friede verstärkt hatte. Das Reich war eine
übernationale Idee gewesen, die Legitimität seiner Glieder
speiste sich aus ganz unterschiedlichen Quellen:
Fürsten
und geistliche Herren beriefen sich auf göttliches Recht, die
Städte mit ihren republikanischen Verfassungen auf uralte Bürgerfreiheiten.
Die Vielgliedrigkeit des Reichsverbandes wurde als gegeben hingenommen
und erwies sich doch zunehmend als Schwäche und als Hindernis.
Was wir
in unserer Zeit als Globalisierung erleben, war, in anderer Form,
auch damals zu beobachten: Die wirtschaftliche und die politische
Entwicklung drängte zu größerer Kooperation, zumindest
zu größeren Handlungseinheiten. Mittlere und größere
Staaten strebten nach Arrondierung und territorialer Expansion.
So auch das Frankreich der Revolution. Anders als von der Nationalversammlung
ursprünglich bekundet, strebte es nun doch nach einer "natürlichen
Grenze", wie man es nannte - nach dem Rhein. In den Revolutionskriegen
wurde dieses Ziel erreicht. Aus der weiteren Geschichte der napoleonischen
Zeit wissen wir, dass Napoleons Appetit damit noch keineswegs gestillt
war.
1801
wurde das linke Rheinufer französisch. Das Reich wurde gezwungen,
die Gebietsverluste der geschädigten Fürsten auszugleichen.
Die Absichten der französischen Politik trafen sich mit den
Bestrebungen der mittleren und größeren Fürstenhäuser
des Reiches, die im Reichsdeputationshauptschluss von 1803 zumeist
mehr gewannen als sie verloren hatten. Praktisch alle reichsunmittelbaren
geistlichen Territorien wurden säkularisiert; fast alle Reichsstädte
und eine Reihe kleinerer weltlicher Herrschaften verloren ihre Eigenständigkeit.
Die politische Landkarte Deutschlands sah plötzlich völlig
anders aus. Die alte Reichskirche hörte auf zu bestehen, der
Katholizismus in Deutschland war schwer getroffen. Frankreich wurde
zur bestimmenden Macht der deutschen Dinge.
Wenn
man das Ergebnis in dürre Zahlen fasst, so zeigt sich schon
daran die epochale Dimension des Geschehens: Rechts des Rheins wurden
112 Reichsstände aufgehoben, darunter ein weltliches und zwei
geistliche Kurfürstentümer; 19 Reichsbistümer, 44
Reichsabteien und 41 Reichsstädte verloren ihre Unabhängigkeit.
Rund 10.000 qkm geistlicher Territorien wurden dem Gebiet weltlicher
Fürsten zugeschlagen - darunter auch Schussenried. Mehr als
drei Millionen Menschen wechselten durch den berühmten Federstrich
ihre Staatsangehörigkeit.
Wir vermögen
uns heute nur schwer vorzustellen, was dieser Umbruch für die
Menschen bedeutet haben mag. Lebensplanungen wurden zerstört,
Weltbilder brachen zusammen, Bildungstraditionen rissen ab, Kultureinrichtungen
verschwanden und Kunstschätze gingen verloren, wenn sie nicht
ganz zerstört wurden.
Äußerungen
aus jenen Jahren belegen die schwere Erschütterung, die für
viele in der Tat eine "Entzauberung der Welt" gewesen
ist. So hat Max Weber einen Grundzug der modernen Geschichte einmal
genannt.
III.
Das Urteil der Zeit wies Schuld und Verantwortung für das Ende
des alten Reiches, das der Reichsdeputationshauptschluss eigentlich
schon vorwegnahm, rasch dem revolutionären Frankreich zu. So
auch Joseph Görres, der wortmächtige Publizist, der die
Ideen der französischen Revolution zuerst begeistert gefeiert
und für sie auch in Paris geworben hatte. Doch das Reich, so
meinte er, hätte nicht untergehen müssen - wäre Frankreich
nicht gewesen. Wie Görres dachten viele und hier findet sich
gewiss auch eine der Wurzeln des deutsch-französischen Gegensatzes,
der die Geschichte der beiden Nachbarvölker für über
150 Jahre auf so tragische Weise bestimmt hat.
Das Urteil
der Zeit übersieht leicht tieferliegende Ursachen und weiter
zurückreichende Anfänge historischer Entwicklungen. Über
notwendige Veränderungen der politischen Ordnung in Deutschland
wurde ja nicht erst seit der Französischen Revolution nachgedacht.
In manchen Teilstaaten hatten sich die Ideen der Aufklärung
schon in Reformen und Modernisierung niedergeschlagen, etwa in Preußen
und in Österreich.
Am schärfsten
wurde oft die geistliche Herrschaft kritisiert, ihre Legitimation
wurde in Zweifel gezogen. 1786 setzte das "Journal von und
für Deutschland" einen Preis auf die Beantwortung der
Frage aus, "wie es komme, dass gerade die geistlichen Herrschaften
- obwohl doch besonders gesegnet und mit gewählten Regenten
- nicht die Glücklichsten seien und Mängel aufwiesen".
Ich habe das Ergebnis dieses Preisausschreibens nicht gesehen, ich
glaube aber, es war für viele erleuchtend.
Die Säkularisation,
so mag man sagen, lag also nicht nur aus machtpolitischen Gründen
nahe. Und die Mediatisierung vieler Reichsstände war gewiss
auch eine Antwort auf die Kritik an unzulänglicher Herrschaft
und Verwaltung in den kleinen und kleinsten Territorien. Denn das
Alte Reich war, wie ein Beobachter kürzlich angemerkt hat,
zwar gewiss auch eine "Ordnung des Friedens, des Rechts, der
Toleranz" - aber eben auch eine, so sagte er, "des universalen
Durchwurstelns".
IV.
So erkannten viele auch die große Chance, die diese radikale
Neugestaltung der Landkarte mit sich brachte, die ja zugleich auch
eine politische Neuordnung war. Sie erhofften sich eine Reform des
Reiches, sie sahen eine Chance für einen grundlegenden Neubeginn.
Doch
dazu kam es nicht. Auch ein Jahrzehnt später erwiesen sich
Interessen, Gegensätze, Machtbestrebungen und äußere
Einflüsse als stärker als das Streben nach nationaler
Einheit, das in den Befreiungskriegen wach geworden war. So entstand
auf dem Wiener Kongress kein Bundesstaat, sondern bloß ein
loser Staatenbund, der nicht nur die nationalen, sondern auch die
demokratischen Bestrebungen tief enttäuschte, die ja wach geworden
waren. Joseph Goerres, den ich noch einmal zitiere, sprach von einer
"jämmerlichen, unförmlichen, missgeborenen, ungestalteten
Verfassung".
Dennoch
wurden mit den historischen Entscheidungen und Entwicklungen jener
Jahre die Weichen hin zu jenem demokratischen Föderalismus
gestellt, der unser Land heute nicht nur prägt, sondern, so
meine ich, auch auszeichnet. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts entstehen,
als Folge der Säkularisation und durch die wiederholten Mediatisierungen
jener Jahre, die Umrisse vieler Gebiete unserer heutigen Länder.
Die Verfassungen von Weimar und Bonn haben die föderale Tradition
schließlich mit der Substanz einer modernen Bürgerdemokratie
verbunden.
V.
Unsere bundesstaatliche Verfassung ist nicht allein Ergebnis historischer
Entwicklung, sie ist auch eine bewusste politische Entscheidung.
Der Föderalismus respektiert die regionale Vielfalt, er gibt
ihr Raum und Gelegenheit zur Entwicklung. Die bundesstaatliche Ordnung
nimmt die historische, die kulturelle und die landsmannschaftliche
Eigenheit und Eigenart der deutschen Länder nicht nur auf,
sondern sie lässt sie sich in eigener Verantwortung entfalten.
Landschaftspflege und Naturschutz, Denkmalschutz und Kulturpflege
sind doch in den Ländern wahrlich gut aufgehoben.
Die Vielfalt
und das Selbstbewusstsein der Regionen und der Länder führt
zu einem gesunden Wettbewerb. Das hat durchaus sein Gutes - so lange
es nicht auf Kosten der nötigen Solidarität geht. Es gibt
im Bundesstaat keine Teilvölker, die ihre eigenen Wege gehen
könnten, ohne sich um die anderen zu kümmern. Das Bundesvolk
ist eins und unzertrennlich. Bund und Länder sind nur unterschiedliche
Werkzeuge und Treuhänder seines Gemeinwohls. Der Bundesstaat
ist eine unteilbare Solidargemeinschaft.
Das unterscheidet
unsere Situation heute ganz wesentlich von jener vor zweihundert
Jahren. Gegen das Streben nach Einheit und Zusammengehörigkeit
setzten sich damals die Fliehkräfte des Partikularismus durch.
Die staatliche Ordnung der Bundesrepublik Deutschland von heute
wahrt die Balance zwischen Ansprüchen des Bundes und der Länder
und schiebt auf diese Weise Zentralismus und Partikularismus einen
Riegel vor. Das dürfen wir bei aller berechtigten Kritik am
Zustand des Föderalismus nicht vergessen.
Natürlich
müssen wir stets ein Augenmerk auf das haben, was sich an der
bundesstaatlichen Ordnung verbessern lässt. Doch wir dürfen
auch nicht übersehen, dass sie keine Maschine ist, die sich
mit einer Drehung dieser oder jener Stellschraube justieren ließe.
Unser Föderalismus lebt entscheidend von einem Gefühl
der Zusammengehörigkeit; er braucht Vertrauen, Solidarität
und die Bereitschaft zu Kompromissen. Ihn zu reformieren ist deshalb
kein einmaliges Projekt, sondern eine dauernde Aufgabe, denn sie
gestaltet ein lebendiges Miteinander und kein lebloses Regelwerk.
Welche Änderung auch immer vorgeschlagen wird: Sie muss stets
das Gemeinwesen als Ganzes im Auge haben und nicht nur einzelne
Interessen.
VI.
Das gilt im übrigen auch für jenen historischen Prozess,
der in diesen Monaten einem neuen großen Zwischenziel zustrebt:
Die europäische Einigung. Die Erweiterung der Europäischen
Union um zehn neue Mitgliedsstaaten ist gerade feierlich besiegelt
worden. Auch deshalb ist es unausweichlich, die Methoden der europäischen
Zusammenarbeit zu ändern und zu vertiefen. Dabei müssen
wir sowohl das Wohl der Gemeinschaft als auch die - oft recht unterschiedlichen
- Interessen aller Mitgliedsstaaten im Auge behalten.
Die Europäische Union müssen wir jetzt als eine Föderation
von Nationalstaaten gestalten. Sie mag in manchem an das alte Reich
erinnern - in ihren Vorzügen, aber auch in den Gefährdungen,
denen sie ausgesetzt ist. Deshalb müssen wir immer wieder daran
erinnern: Auch die europäische Einigung, die Europäische
Union, lebt von der Zustimmung ihrer Bürgerinnen und Bürger
und von der Bereitschaft ihrer Mitglieder, für sie einzutreten,
ihre Instrumente zu nutzen und den notwendigen Zusammenhalt nicht
nach Gutdünken außer acht zu lassen.
VII.
Heute blicken wir zurück auf Ereignisse und Entscheidungen,
die sich vor 200 Jahren zugetragen haben. Das scheint unendlich
weit weg zu sein. Das steht in Geschichtsbüchern und wir können
Dokumente in Schaukästen betrachten. Man könnte versucht
sein zu sagen: Säkularisation und Mediatisierung - was geht
uns das an, was hat das mit uns zu tun? Doch blicken wir genauer
zurück, dann erkennen wir: Das ist nicht nur unsere Geschichte,
das hat ganz unmittelbar damit zu tun, wie wir heute miteinander
leben. Wir erkennen die Bedingungen gelingender Politik und die
Ursachen von Fehlschlägen und Scheitern.
Unsere
Geschichte taugt nicht unbedingt als Rezeptbuch für die Probleme
der Gegenwart - sie ist aber unser "kollektiver Erfahrungsspeicher",
wie das der Historiker Johannes Fried jüngst gesagt hat. Sie
ist ein Reservat von großem Wissen und eine Quelle der Selbstvergewisserung:
Wir können uns viel leichter darüber verständigen,
wohin wir gemeinsam gehen wollen, wenn wir wissen, woher wir kommen.
Die Kenntnis der Geschichte schafft Identifikation und bietet emotionale
Bezüge.
Mir scheint
es in den letzten Jahren oft so, als hätten wir zu wenig Bezug
zu unserer weiter zurückliegenden Geschichte. Das kann problematische
Folgen haben. Dann kann leicht das trügerische Gefühl
entstehen, wir seien in der Lage, in unserer Zeit und aus eigener
Vollkommenheit Großartiges und Abschließendes zu gestalten
- weil uns nicht mehr ausreichend bewusst ist, worauf wir im Guten
wie im Schlechten aufbauen. In dieser Einsicht waren unsere Vorfahren
uns vielleicht voraus. Hugo von Saint-Victoire formulierte im 11.
Jahrhundert: "Wir sind die Zwerge, die auf den Schultern von
Riesen stehen. Aber wenn wir mehr und weiter sehen, als sie, dann
liegt das nicht an der Schärfe unserer Augen oder der Größe
unserer Statur, sondern daran, dass sie uns tragen und wir ihre
Größe nutzen dürfen."
Die Geschichte
zu kennen, das hilft auch, eigene aktuelle Probleme richtig einzuordnen.
Das zeigt gerade der Blick auf jenen epochalen Einschnitt der deutschen
und europäischen Geschichte vor zweihundert Jahren, an den
wir heute denken.
Die Meldung
einer Nachrichtenagentur charakterisierte ihn im Februar dieses
Jahres mit der - zugegebener Maßen etwas saloppen - Überschrift:
"Fangschuss für das alte Europa". Wie gesagt, die
Meldung datiert vom Februar, also längst bevor der Begriff
"altes Europa" eine ganz neue Bedeutung bekam. Der Blick
zurück auf das alte Europa des Jahres 1803 und auf die Entwicklungslinie
seither zeigt uns: Das alte Europa ist schon manches Mal totgesagt
worden - und doch hat es sich immer wieder als höchst lebendig
und als handlungsfähig erwiesen: im Reichtum seiner historischen,
geistigen und kulturellen Überlieferung, die es in allem Wandel
bewahrt hat und in seiner ungebrochenen Kraft zur Erneuerung.
|